11.09.2020

„Wir Städte sind es gewohnt, zu laufen“

Der Wien Tourismus rechnet heuer mit einem Einbruch von bis zu 60 Prozent, der Preisverfall in Wien konnte bisher in Grenzen gehalten werden. Doch die Stadt schläft nicht, auf Hochtouren wird an der Zukunft gearbeitet, und die hat ein Motto. 

Es gab schon erfreulichere Zahlen, über die die Autorin mit dem Direktor des WienTourismus, Norbert Kettner, diskutieren konnte. Der Tourismuschef wirkt jedoch keinesfalls eingeschüchtert, wenn von Umsatz- und Nächtigungseinbrüchen im hohen zweistelligen Bereich die Rede ist. Man könnte es beinahe kampfeslustig nennen, wie er Strategie um Szenario auspackt, um der Krise des Städtetourismus zu begegnen.

„Wir haben nach wie vor gute Ideen“, startet Kettner, „doch aktuell sind diese wie amputiert“. Der Tourismus in Wien ist seit den Reisebeschränkungen im Frühjahr 2020 eingebrochen, die Halbjahreszahlen (siehe auch Kasten auf S. 14) lenken dank des starken Starts davon noch etwas ab. Noch nie gab es eine Situation wie diese, als Reisebeschränkungen, die so eng mit dem Tourismus verbundene wirtschaftliche Entwicklung und ein gedämpftes Kaufverhalten den Reisealltag mitbestimmen. 

„Die Städte waren es immer gewohnt, zu laufen, nun bewegen wir uns eher im Krebsgang“, drei Schritte hierhin, zwei Schritte zurück, präzisiert Kettner. Wenn im ersten Halbjahr statt 3,6 nur 1,3 Millionen Menschen herkommen und anstatt 8 nur 2,8 Millionen Mal nächtigen, dann füllen auch nur 142 Millionen  Euro anstatt 455 Millionen Euro wie im Jahr davor die Hotelkassen (Beherbergungsumsatz). Allen Umsatzeinbrüchen zum Trotz stehen die Zeichen auf „Präsenz“, wie Kettner betont. Das bedeutet, dass Wien auf allen seiner 17 aktiv bearbeiteten Märkte gemäß dem Motto „Always on“ auf digitalen Kanälen aktiv ist, doch nur in ausgesuchten Regionen mit entsprechendem Potenzial aktivierende Werbung geschalten wird.

Das ist kein Sparkurs, „doch aktuell in Märkten, aus denen man gar nicht reisen darf, für eine Reise nach Wien zu werben wäre ökonomisch sinnlos, wenn man nicht reisen darf“, erklärt Kettner. „Jetzt heißt es in erster Linie nicht werben, sondern überleben!“

Das Ende der „Eh-da-Zeiten“

Lange fühlte man sich sicher in einer Stadt, in der Kultur, Gastronomie, Touristen und die Reisefreiheit „eh da sind“, aktuell ist nichts davon vorhanden. Es gilt, neue Pläne zu schmieden, für neue Realitäten zu planen und optimistisch zu sein. Kettner glaubt fest daran, dass Städte wie Wien nach Corona auf der lichten Seite des Tourismusmondes zu finden sind. Die konstanten Schwerpunkte Kultur, Business und Kongresstourismus werden zu mehr Internationalität und mehr Wertschöpfung führen, doch die Verwundbarkeit bleibt.

Der zukünftige Normalzustand in einer vernetzten, globalisierten Welt muss so organisiert sein, dass die Menschen etwas davon haben. Aktuell halten rund 25 Prozent der Beherbergungsbetriebe in Wien geschlossen, wie viele davon nach Corona wieder aufsperren, ist ungewiss, die Branche erwartet, je nach Szenario, Umsatzeinbußen von 45 bis zu 60 Prozent. Auf allen Ebenen gibt es zahlreiche Gespräche, was man für die Stadthotellerie machen kann, der WienTourismus hilft, wo er kann. „Es wird noch weitere Maßnahmen geben müssen, besonders dort, wo es um Ganzjahresjobs und nachhaltigen Tourismus geht“, stößt Kettner nochmals nach. 

Der Umstand, dass der Preisverfall in den Wiener Hotels über alle Beherbergungsbetriebe dennoch nicht unter 10 Prozent gerutscht ist, stimmt ihn zusätzlich optimistisch. Denn andere europäische Metropolen wie beispielsweise London hätten im Juli schon bis zu 50 Prozent eingebüßt, wenngleich auch von hohem Niveau.

Der Recovery-Plan 

Verschiedene Initiativen versprachen Umsätze durch das Gewinnen des österreichischen Gastes für die Wiener Hotelbetten. Bisher machte der österreichische Gast einen Anteil von 17 Prozent aus, im Sommer sogar nur 14 Prozent. „Das Loblied auf den inländischen Gast ist aber nicht genug“, hält Kettner die globalen Märkte hoch. Auf den internationalen Gast kann und will die Stadt nicht verzichten, auch die internationale Erreichbarkeit mit dem Flugzeug sei essenziell für das Wiederaufnehmen der Tourismusaktivität.

Alle 17 aktiven Märkte werden weiter mit Präsenz versorgt, ein Recovery-Plan ist für alle einzelnen Märkte ausgearbeitet, auch wenn dieser sich täglich ändert. Insgesamt werden  27 Länder beobachtet, Flug- und Bahnverbindungen ebenso wie die wirtschaftliche Entwicklung und etwaige Lockerungen der Reisebeschränkungen. „Wir bereiten uns vor auf die Zeit danach.“ Die Lust zu reisen ist unumkehrbar, doch gewisse Dinge wie beispielsweise der „Exzesstourismus“  (den Wien nie forciert hatte) werden laut Kettner nicht mehr mehrheitsfähig sein. 
Die Ortstaxe wird heuer sicherlich einbrechen, nicht aber das Budget des WienTourismus.

„Wir werden als Wien Tourismus in der Stadt nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung verstanden“, beschreibt Kettner das Commitment, das er und sein Team aktuell erleben. „Wir wirtschaften immer schon antizyklisch, außerdem haben wir gute Vorraussetzungen für die Zeit danach.“ 

Wien bleibt Premium

Der enge Austausch mit dem Homecarrier Austrian Airlines ändere sich auch nicht in Krisenzeiten, die Zusammenarbeit sei gerade durch die aktuelle Situation gebremst, aber keine andere. Weiterhin wird Wien den eingeschlagenen Weg der Premiumdestination gehen,  „immerhin investieren wir Steuergelder in die Bewerbung dessen“, mahnt Kettner den Qualitätsanspruch ein. Die Stadt wird nach wie vor den Kulturschwerpunkt forcieren und die Internationalität fordern und fördern. Europa dürfe seine internationale Ausrichtung nicht verlieren, warnt der Tourismusdirektor vor einem neuen Biedermaier. „Regionalität ist wichtig, aber wir bleiben international, Städte sind das Schaufenster der Welt“. 

Tourismuskonferenz 2020 findet hybrid statt

Unter dem Motto „Reshaping Vienna“ wird am 30. September die heurige Tourismuskonferenz über die Bühne gehen, aufgrund der derzeitigen Lage als hybride Veranstaltung. Im vergangenen Jahr wurde die neue Visitor-Economy-Strategie 2025 präsentiert, der Grundgedanke der Zusammenarbeit und des Zusammenhalts ist heute wichtiger denn je. 


Statistik: U​​ngewöhnliches erstes Halbjahr
Im Zeitraum Jänner bis Juli 2020 fließen zwei grandiose erste in vier weniger erfreuliche Monate mit ein. 
Nächtigungen: 3,2 Mio (- 66,4 %)

  • Ankünfte: 1,5 Mio (- 67 %)
  • davon aus dem Ausland: 1,1 Mio (- 69 %)
  • Zimmerauslastung: 36,5% (- 76 %)
  • Netto-Nächtigungsumsatz: 142,3 Mio € (- 68,7 %)

Zeitraum: Jänner bis Juli 2020 im Vergleich zu 2019; Quelle: MA 23 - Dezernat Statistik Wien


Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/2020 von Hotel & Touristik. Das e-paper der Ausgabe finden Sie HIER!

(Autorin: Margaretha Jurik)

 

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