03.06.2020

"Wir waren am absoluten Höhepunkt"

Der Städtetourismus lebt vom internationalen Gast. Wenn dieser ausbleibt, entsteht eine ganze Reihe an Problemen: finanzielle, existenzielle aber auch ideelle. Ein Interview mit Peter Buocz, dem Geschäftsführer der Schick Hotels, über Chance, Fairness, Reiselust und Reisefrust.

Bedenkt man, wie viele Unternehmen und Menschen nur in Österreich vom Tourismus – direkt und indirekt leben und abhängig sind – bekommt die Coronakrise alleine für unser kleines Land eine beängstigende Dimension. Denkt man jedoch als Europäer, wie das Peter Buocz aus Überzeugung tut, denkt man diese endlos lange Kette an Zuliefererbetrieben und deren Mitarbeiter, für die der Tourismus die Existenzgrundlage darstellt, also über Österreichs Grenzen hinaus, sind es enorme Ausmaße und die Auswirkungen durch Covid-19 auf die gesamteuropäische touristische Leistungskette kaum fassbar.

Ein wichtiges und umsatzstarkes touristisches Segment ist der Städtereisenbereich und die damit eng verwobene Stadthotellerie, die fast ausschließlich vom ausländischen Gast, vom internationalen Citytraveller, lebt(e). Seit 29. Mai hat die österreichische Hotellerie wieder geöffnet, als nächstes stehen mit 15. Juni die deutschen Gäste und damit die für Wien größte ausländische Gästegruppe ante portas. Alleine, stopfen werde auch sie das riesige Loch, dass Covid-19 in der erfolgreichen Bilanz der Wiener Cityhotellerie hinterlassen hat, nicht können. Brigitte Charwat, Chefredakteurin vom Schwesternmagazin Der Traveller, hat Peter Buocz für stammgast.Online interviewt:

traveller: Herr Buocz, wie geht es der privaten Schick Hotelgruppe, wie hat man den Lockdown gemeistert?

Peter Buocz: Uns geht es, wie es einem Unternehmen geht, wenn Null Einnahmen 250.000 Euro Nettoausgaben pro Monat alleine nur für die rund 200 Mitarbeiter gegenüberstehen und jetzt zudem die Auszahlung des Urlaubsgelds ansteht. Die Schick Hotels sind ein gesundes und erfolgreiches Städtetourismus-Unternehmen mit einer – in Vor-Coronazeiten – fast 90-prozentigen Jahresauslastung und Gott sei Dank entsprechenden Rücklagen. Darauf musste Dr. Schick, der Eigentümer, jetzt auch zugreifen und drei Monate vorfinanzieren. Viele der österreichischen Hoteliers sind dazu nicht in der Lage und hatten schon vor Corona einen hohen Verschuldungsgrad.

Seit 29. Mai können Hotels wieder Gäste empfangen, haben damit auch wieder alle fünf Schick Cityhotels geöffnet?

Wir haben bereits am 25. Mai als erstes der fünf Schick Hotels, das Stefanie – das älteste Hotel Wiens –  mit einer größeren Firmengruppe geöffnet. Obwohl wir ja gar nicht hätten schließen müssen, denn für Geschäftsreisende war das Offenhalten auch während des Lockdowns möglich, hätte aber wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn gemacht! Jetzt evaluieren wir bis Ende Juni und machen es auch von den weiteren Entwicklungen hinsichtlich Aufhebung der Reisebeschränkungen in den anderen EU-Destinationen abhängig, ob wir geöffnet bleiben.

Bei guter Entwicklung würde dann das Hotel Am Parkring – aufgrund seiner Top-Lage mit Terrasse und einer fantastischen Aussicht über die Wiener City - folgen. Damit könnte auch unser Drei Hauben Restaurant „Das Schick“, das aktuell noch geschlossen ist, wieder aufkochen, denn die Öffnung muss ja mit dem Hotel Hand in Hand gehen. Somit würden wir auch wieder die Frequent-Individual-Traveller (FIT-) Klientel ansprechen, da wir im Parkring natürlich höhere Durchschnittspreise als in den anderen Cityhotels anbieten. Bei den anderen drei Häusern werden wir sehen.

Sie erwarten demnach keine rasche Erholung der Buchungslage?

Nein, vielmehr rechnen ich für 2020 über alle fünf Hotels – und auch nur, wenn alle geöffnet sind - mit 30 Prozent Auslastung. Da müssen aber alle Faktoren zusammenspielen: Der Flugverkehr muss funktionieren, der Gast muss wieder reise- und konsumfreudig sein und Corona darf keine allzu rigiden Auflagen wie verpflichtende Quarantänemaßnahmen bei Ein- oder Ausreise auferlegen.

Kommt der Städtereisende nicht rasch genug zurück, hat die Cityhotellerie also ein nachhaltiges Problem?

Nicht nur die Hotellerie, sondern die ganze touristische Leistungs- und branchennahe Zulieferkette befindet sich in einer Abwärtsspirale. Alleine die heimische Gastronomie und Hotellerie tragen sechs Prozent zum BIP bei, mit der Reise-und Freizeitwirtschaft sind es 15 Prozent. In dieser Kalkulation fehlt aber die lange Reihe der Zulieferer - vom Bäcker bis zum Installateur, vom Elektriker bis zum Tapezierer und Malermeister uvm. Allesamt KMUs, nur wir in den Schick Hotel arbeiten seit vielen Jahren mit Betrieben zusammen, die 30 bis 40 Prozent ihres Umsatzes alleine aus unseren Aufträgen generieren. Diese Kette ist gerade schwer gefährdet, es braucht also weiter unterstützende Maßnahmen und Erleichterungen, um auch hier die Liquidität sicherzustellen.

Woran denken Sie konkret?

Man sagt ja gerne, dass Krisen auch Chancen sind. Also wäre jetzt die Zeit, die Branche auf faire Beine zu stellen. Denn wir brauchen uns gegenseitig: Die Hotellerie benötigt für ihr Geschäft Reisebüros, Reiseveranstalter, Autovermieter, Tourguides, Transferservices usw. und das ist umgekehrt genauso. Denn ohne Hotellerie kein Reisegeschäft. Ich denke, wir haben jetzt die Möglichkeit, das große Ungleichgewicht und auch die vorherrschende Unfairness durch Mitbewerber und Marktbegleiter – durch die „Bookings“ und „Expedias“ dieser Welt – im Sinne der gesamten touristischen Leistungskette und für alle gerecht zu bereinigen.
Ja und natürlich muss die Kurzarbeit drastisch verlängert werden, sonst geht sich das alles nicht aus und es trifft vom Stubenmädel bis zum Abwäscher zu allererst die Schwächeren in der Lohn-Leistungskette.

Ist das Zusammenspiel Reisebüro und Hotellerie überhaupt noch ein zeitgemäßes?

So man es den modernen Gegebenheiten anpasst und nicht noch immer nach den schon ziemlich veralteten Allotment-Vereinbarungen agiert. Diese Fixkontingent-Modellstruktur ist weder zeitgemäß noch passt sie zur modernen Stadthotellerie. Wir evaluieren die Preise längst 365 Tage im Voraus über ein eigens für alle fünf Schick Hotels entwickeltes System und erstellen ein tägliches Preis-Update. Das ist längst State of  the Art, das erwartet der Gast heute auch von der Hotellerie.

Wohin glauben Sie, wird sich der Preis mit und nach Corona entwickeln?

Der Hotelpreis wird leider wieder sinken, da das Angebot größer als die Nachfrage ist. Und das wird auch eine Zeit so bleiben. Ich rechne über vier bis fünf Jahre mit einem dramatisch geringeren Ertrag und es wird Jahre dauern und ist auch von sehr vielen noch gar nicht wirklich einschätzbaren Faktoren abhängig, bis wir wieder das Vor-Corona-Niveau – und wir waren am absoluten Höhepunkt – erreichen. Damit wird ein effektives Kostenmanagement für Hoteliers noch bedeutender, denn mittelfristig werden die Preise einfach steigen müssen, weil es sich sonst einfach nicht mehr ausgehen wird. Generell glaube ich, dass eine nachhaltige Besserung eintritt, wenn es im ersten Schritt ein Medikament und letztlich einen Impfstoff gibt.

Wären Sie für einen Hygiene-Euro, also für einen vom Gast zu entrichtenden Beitrag für zusätzliche Hygienemaßnahmen?

Wenn man die hohen Zusatzkosten, mit denen wir jetzt zusätzlich für die Implementierung von Schutzmaßnahmen in der Hotellerie und Gastronomie konfrontiert sind, betrachtet, finde ich, dass man durchaus über einen Beitrag auf Zeit durch den Gast nachdenken kann. Diese Überlegungen sind genauso wie ein Obolus fürs Glas Wasser nicht verwerflich und letztlich nur eine Frage der klaren Kommunikation. Wir bei den Schick Hotels waren und sind ein sehr strikt auf Hygiene bedachtes Unternehmen, aber natürlich waren auch wir nicht auf eine Pandemie vorbereitet. Jeder muss jetzt seine Preise neu kalkulieren, denn Fakt ist, dass die neuen Hygienemaßnahmen – etwa kontaktlose Desinfektionsspender, Hygienechecklisten, Masken für die Mitarbeiter, Plexiglasschilder uvm. enorme Zusatzausgaben verursachen.

Was halten Sie von verschenkten Hotelnächten, wie das ein Grazer Hotel praktizierte?

Die Idee des Grazer Kollegen, Philipp Florian, von geschenkten Nächten über Pfingsten im Grazer Parkhotel – übrigens ein Haus, das unserem Stefanie ähnlich ist – ist grandios. Man geht nicht einfach mit den Preisen runter, sondern agiert vielmehr mit einer überaus werbewirksamen Aktion. Ich glaube, die Rechnung geht auf, was dem Kollegen auch von Herzen gegönnt ist. (Anm. der Redaktion: Die Aktion brachte dem Grazer Parkhotel 7.200 Anfragen für 68 Zimmer und Suiten)

In Krisenzeiten überdenkt man gerne die strategische Unternehmens-Ausrichtung. Sollte man Ihrer Meinung nach das eigene Alleinstellungsmerkmal zugunsten einer engeren Zusammenarbeit mit anderen Betrieben hintanstellen?

Ich bin – schon weit vor der Krise - ein Anhänger der gebündelten Kräfte. Die Konzentration von Wissen und der Austausch über den Zusammenschluss der Private City Hotels (PCH) wird von mehr als 90 Hoteliers aus dem DACH-Raum längst praktiziert. Das ist, gerade in dieser schweren Zeit, eine für alle enorm wertvolle und von großem Vertrauen geprägte Zusammenarbeit, einer profitiert von den Erfahrungen des anderen. Wir tauschen uns aus und wir schicken uns Gäste. Es gibt keinen Futterneid, auch wenn natürlich jeder auf sein Unternehmen schauen muss. Teamarbeit ist auch in der Vermarktung gefragt, jene die schon länger über ihr Haus hinaus kooperieren, tun sich jetzt einfach leichter.

Wie sieht es in der Schick Gastronomie aus, kann man im Stefanie auch wieder im Restaurant essen?

Ich muss zugeben, ich habe den gastronomischen Aufholbedarf der Gäste überschätzt. Der blieb nämlich aus, wohl auch deshalb, weil sich die Angst in den Köpfen der Gäste manifestiert hat. Aber zumindest ist es ab 15. Juni mit der Maskenpflicht vorbei, die gilt ab dann nämlich nur noch für die Mitarbeiter. Im Stefanie ist das Restaurant wieder geöffnet, wir dürfen uns hier über einen sehr hohen Stammgästeanteil und eine sehr große Gäste-Solidarität freuen und das Seminargeschäft ist ja auch wieder erlaubt. Das hilft natürlich ebenfalls.

Bei aller „neuen Normalität“, glauben Sie an eine nachhaltige Reiseunlust beim Gast?

Nein, denn Reisen ist per Definition für die Menschen wichtig und wird auch weiterhin ein Grundbedürfnis bleiben. Jedoch unter Bedingungen, die den ökologischen Notwendigkeiten und Ansprüchen auch entsprechen und gerecht werden. Wir müssen uns endlich von billig, billig, billig und dem Geiz-ist-Geil Prinzip verabschieden – letztlich muss auch das Fliegen wieder teurer werden. Denn Flugticketpreise um 9,90 Euro irgendwohin sind schlichtweg sozial unverträglich.

Also „hilft“ die Coronakrise den Overtourism einzudämmen?

Bei aller Notwendigkeit diese enorme Krise mit höchstmöglicher Schadensbegrenzung zu bewältigen – und da schlägt jetzt mein grünes Herz: Wenn wir den Klimawandel nicht in Griff bekommen, brauchen wir über touristische Weiterentwicklungsstrategien nicht weiter nachdenken. Die öffentliche Hand muss jetzt – alternativlos – investieren. Anstatt in die 3. Piste in den Ausbau eines vernünftigen EU-Schienennetzes, um so die sich eröffnenden ökologischen Chancen auch nutzen zu können.
Österreich ist durch seine extrem günstige geografische Lage in einer guten Ausgangsposition. Wir können hier, etwa für einen Städtetourismus mit der Bahn, Vorreiter sein. Ja, es sind noch viele Hürden, wie unterschiedliche Spurbreiten, zu nehmen. Nur: Fangen wir endlich damit an und verschaffen wir uns hier einen Vorteil. Finden Sie stimmig, wenn ein Flug nach Berlin 29,90 Euro und das Bahnticket 200 Euro kostet? Da stimmt doch etwas nicht, oder?

Kauf regional, was während des Lockdowns propagiert wurde, wird aus Ihrer Sicht bleiben?

Das hoffe ich, regionaler Einkauf erhält plötzlich in der Bevölkerung und damit auch bei unseren Gästen eine neue Gewichtung und Bedeutung. In Wahrheit haben wir hier nämlich dasselbe Problem wie bei den Flugtickets. Für ein Umdenken und gelebtes Handeln braucht es aber den Konsumenten und natürlich die Politik. Denn möchte man die höherwertige regionale Qualitätsware, muss man auch bereit sein, entsprechend mehr zu bezahlen. Wie auch fürs Ticket mit der Qualitätsfluglinie. Warum daher nicht endlich Fleisch, Obst und Gemüse auch in der Gastronomie als regionales Produkt kennzeichnen?

Der Konsument soll wissen, was er kauft, und soll auch im Hotel und Restaurant entscheiden können – wie er das ja auch im Handel kann - woher seine Lebensmittel kommen und ob er lieber die günstigere Massenware oder das teurere regionale Biofleisch konsumieren möchte. Allerdings hört für einen Europäer, der ich aus voller Überzeugung bin, Regionalität nicht an der Landesgrenze auf. Für mich als Wiener ist z. B. ein feines tschechisches Bier sicher regionaler als ein Fisch aus dem Bodensee. Das herrliche Bodenseefelchen esse ich dann, wenn ich dort auf Urlaub bin.

Hat für Sie die hohe Politik in der Krisenkommunikation- und Bewältigung alles richtig gemacht?

Ich bin überzeugt, dass der Weg richtig war, wiewohl es natürlich, je länger die Krise dauert, schier unmöglich ist, diese fehlerfrei zu bewältigen. So ist mir durchaus klar, wenn dermaßen viel Geld ausbezahlt wird, es auch eine gewisse Bürokratie braucht. Aber wenn das das Geld nicht ankommt, ist es für ganz viele überaus dramatisch. Die Frage, die sich mir jedoch stellt: Wie wird das mit den Rückzahlungen aussehen, wenn schon jetzt klar ist, dass der Umsatz erheblich kleiner ausfällt? Darauf habe ich noch keine Antwort gehört!

Abschließend, wie sieht Ihre Prognose aus?

Corona hat und wird extrem viel Wohlstand vernichten, und insbesondere der kürzere Städtetourismus wird wohl länger zum Sparpotenzial gehören. Die Schick Hotels werden aber die Krise sicher überleben, viele andere leider nicht. Wir waren in einem Markt aktiv, der sehr viele getragen hat, jetzt ist die Dominokette ausgelöst. Fällt der erste Stein in der Hotellerie, werden viele weiter fallen. Aber ich bin überzeugt, dass wir in ein paar Jahren auch auf diese Krise zurückblicken werden und, wenn es ganz gut läuft, auch auf besseren ökologischen Beinen stehen werden, als es jetzt der Fall ist.

(Das Interview führte Brigitte Charwat)

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