31.12.2021

"Wir wollen eine gerechtere Kakaoindustrie schaffen"

Gaëlle Chabaud, Leiterin der Business-Unit Deutschland & Österreich Valrhona Gourmet, beim 1922 gegründeten französischen Schokoladenhersteller Valrhona, glaubt fest daran, dass nachhaltiges Wirtschaften und der faire Umgang mit Menschen und Ressourcen im Einklang mit einer erfolgreichen Unternehmensstrategie stehen.

Frau Chabaud, wie entwickeln sich die Geschäfte von Valrhona weltweit?
Gaëlle Chabaud: Valrhona ist als weltweit agierendes, mittelständischen Familienunternehmen stark im Wachstum. Trotz der 2020 ausgebrochenen Gesundheitskrise und den damit einhergehenden Einbrüchen im Umsatz gab es auch stärkende Marktentwicklungen, die dem Unternehmen geholfen haben. Besonders auf dem asiatischen Markt, der seine ganz eigene Patisserie-Kultur hat, sind unsere europäischen Qualitätsprodukte gefragt. Neben den Kuvertüren herrscht dort aber auch großes Interesse an unseren Pralinen, die in unserer Manufaktur am historischen Standort in Tain l’Hermitage (80 Kilometer südlich von Lyon an der Rhone gelegen; Anm. d. R.) hergestellt werden.

Welche Bedeutung haben Ihre Produkte in der D-A-CH-Region im Allgemeinen und in Österreich im Speziellen?
Die D-A-CH-Region, insbesondere Deutschland und Österreich, sind vielversprechende Märkte mit hohem Potenzial. Die Kaufkraft in beiden Ländern ist stark, Deutschland liegt in Bezug auf das BIP in der EU weit vorne. Und was den Pro-Kopf-Konsum von Schokolade angeht, platzieren sich die beiden Nationen unter den ersten dreien in Europa. Dritter im Bunde ist die Schweiz. Österreich vereint ein bisschen die Hauptmerkmale seiner beiden Mitstreiter und ist für uns deswegen ein Land mit viel Potenzial, vor allem in der Gastronomie, die sich von der Genusskultur in Deutschland doch unterscheidet.

Wo können österreichische Konsumenten in den Genuss Ihrer Schokoladespezialitäten kommen?
Wir arbeiten hauptsächlich mit der gehobenen Gastronomie und dem Handwerk zusammen, das heißt Konsumenten können unsere Schokoladen in den Kreationen der Küchenchefs und Pâtissiers genießen. Viele entscheiden sich zum einen aufgrund der Einzigartigkeit unserer Schokoladen sowie der hohen Qualität für unser Produkt, aber auch wegen der 100 prozentigen Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette. Dieser Trend hat inzwischen in den Privathaushalten Einzug gehalten. Daher bieten wir seit Herbst 2020 unsere Kuvertüren in haushaltsüblichen Verpackungsgrößen an, die sich im ausgewählten Einzelhandel finden lassen und auch über unseren Onlineshop erhältlich sind. Dieser ist seit Juli 2021 für Deutschland on air und wird zu Beginn 2022 auch für unsere österreichischen Kunden zugänglich sein.

Auf welchen Produktbereichen liegt derzeit Ihr Fokus?
Unser Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf dem Bereich Schokoladen-Kuvertüren der Extraklasse, also Produkte für die gehobene Küche und das Handwerk. Wir arbeiten schon seit fast einhundert Jahren mit den "Handwerkern guten Geschmacks", wie wir sie nennen, zusammen, und diese enge Partnerschaft liegt uns auch weiterhin sehr am Herzen. Hier arbeiten wir immer wieder an Innovationen, haben zu Beginn des Jahres 2020 eine helle vegane Kuvertüre herausgebracht, anstelle von Kuhmilch auf Mandelbasis. Ein weiteres spannendes Produkt ist unser Kakaofruchtsaftelixir Oabika, das zum einen unseren Ansatz der Nachhaltigkeit bestärkt, aber gleichzeitig eine wahre Innovation in der Verwendung der Kakaofrucht an sich bedeutet. 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Produktentwicklung?
Ganz einfach: nur nachhaltiges Handeln kann unsere Zukunft bewahren. Der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen und soziale Verantwortung gehen Hand in Hand mit ökonomischer Leistungsfähigkeit. Für uns ist das so grundlegend, dass all unser Handeln darauf ausgelegt ist, nachhaltig zu agieren. Wir haben hierfür ein eigenes Programm namens "Live Long", das auf vier Pfeilern basiert: Kakao, Umwelt, Gastronomie und Gemeinschaft. Wir wollen eine gerechtere und nachhaltigere Kakaoindustrie schaffen. Angesichts der großen Herausforderungen bauen wir unsere Ambitionen auf drei Hauptachsen auf: Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und Erhalt der Terroirs und Geschmacksnoten. Wir wissen, dass der Weg noch lang ist. Wir vertrauen jedoch auf unsere Fähigkeit, Bewegung in alte und starre Strukturen zu bringen, wenn alle Akteure des Kakao- und Schokoladensektors an einem Strang ziehen. 

Welche konkreten Maßnahmen setzen Sie denn, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden?
Wir wollen bis 2025 klimaneutral werden. Alle Aktivitäten in unserer Wertschöpfungskette haben Auswirkungen auf die Umwelt. Der Umgang mit diesen Auswirkungen ist von entscheidender Bedeutung, um einen gesunden Planeten für alle in der Zukunft zu gewährleisten. Unsere Kunden begleiten wir auf dem Weg zu einer Gastronomie, die mit Gutem und Schönem Gutes tut. Wir leben heute in Krisenzeiten – in Bezug auf das Klima, die biologische Vielfalt, die allgemeine Gesundheit – für die unser Nahrungsmittelsystem eine bedeutende Mitverantwortung trägt. Wir glauben, dass die Welt der Gastronomie zur Lösung beitragen kann. Unsere Kunden haben Einfluss darauf, wie, was und wann die Menschen essen. Diese Kraft kann genutzt werden, um einen positiven Einfluss auf den Planeten, unsere Nahrung und unsere Zukunft zu haben. Und letztendlich wollen wir eine kollektive Bewegung hin zu einer besseren Welt inspirieren.

Jenseits der Schokoladenproduktion liegt unsere Stärke darin, eine Zusammengehörigkeit zwischen Produzenten, Mitarbeitern und Kunden zu schaffen. Diese engen Beziehungen ermöglichen uns dafür Sorge zu tragen, dass unsere Kakaoproduzenten von ihrem Gewerbe besser leben und unsere Kunden mehr Engagement und Kreativität entwickeln können, sowohl heute als auch in der Zukunft.


„Nur nachhaltiges Handeln kann unsere Zukunft bewahren. “
 

Beziehen Sie Ihren Kakao ausschließlich aus zertifizierten Quellen?
Wir beziehen unseren Kakao direkt von unseren persönlichen Partnern, das heißt von Plantagen in 15 verschiedenen Ländern. Diese sind mit langfristigen Partnerschaften abgedeckt, wobei die Durchschnittsdauer der Partnerschaften sieben Jahre beträgt. Eine unserer längsten Partnerschaften beispielsweise ist die mit der Millot-Plantage in Madagaskar. Mit ihr haben wir Anfang des Jahres 30-jähriges Jubiläum der Partnerschaft gefeiert, und um dies zu würdigen eine Kuvertüre herausgebracht, die rein aus Kakao von dieser Plantage produziert und zudem bio-zertifiziert ist. Die direkte Zusammenarbeit mit den Plantagen erlaubt uns hinsichtlich einer nachhaltigen Arbeitsweise viel mehr als der Einkauf aus zertifizierten Quellen.

Unsere Lieferanten sind unsere direkten Partner, wir gehen Kooperationen ein, kümmern uns beispielsweise gemeinsam mit ihnen um einen artengerechten Anbau der Kakaopflanzen, um standortkonforme Aufforstungsprojekte, den Schutz der Wälder und Klimaneutralität. Außerdem unterstützen wir beim Aufbau von Schulen und Gesundheitszentren, kämpfen aktiv gegen Kinderarbeit und setzen uns für ein angemessenes Einkommen ein. Uns ist bewusst, dass wir als Unternehmen eine große Verantwortung tragen – und dass wir die Pflicht und die Mittel dazu haben, die Lebensbedingungen unserer Partner zu verbessern.

Wie haben Sie die vergangenen beiden Jahre seit Ausbruch der Coronakrise gemeistert?
Die Coronakrise war für uns ebenso eine Herausforderung wie für viele andere Branchen. Insbesondere unsere Kunden aus der Gastronomie haben darunter leiden müssen. Jedem dürfte bekannt sein, dass die langfristige Schließung und Unsicherheiten dazu geführt haben, dass sich viele Beschäftigte umorientiert haben. Diesen unsteten Bedingungen haben wir uns auch stellen müssen.

Aufgrund unserer sehr engen und persönlichen Beziehungen zu unseren Kunden konnten wir gemeinsam sehr gut reagieren. Man hat sich ja insbesondere in der Anfangsphase von Corona sehr solidarisch mit den lokalen Produzenten gezeigt, sich zum Ausgleich mit der schweren Situation auch gerne "etwas gegönnt". Davon haben unsere Kunden im Handwerk ausgesprochen profitiert. 

Welche Trends könnte die Krise Ihrer Meinung nach begünstigen?
Global gesehen hat sich der Umgang mit Lebensmitteln aufgrund der Krise stark verändert. Den Menschen ist inzwischen noch viel wichtiger, was sie zu sich nehmen und dass die Produkte sich durch hohe Qualität und gewisse Standards in der Produktion auszeichnen. Man möchte wissen, was man isst und von wo es kommt. Uns kam genau das zugute und trotz der schwierigen - in Deutschland und Österreich aufgrund der langen Schließung der Gastronomie sogar sehr schwierigen - Lage können wir heute von einem sehr guten Umgang mit der Krise sprechen.

Vielen Dank für das Interview!

Dieser Artikel erschien zuerst unter cash.at

(Von Nataša Nikolić)

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