23.10.2020

Wo sind die Nahweh-Konzepte?

Gibt es das Gegenteil von Fernweh überhaupt? Falls nicht, gehört es schleunigst definiert. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Karl Wratschko ist Wirt, Hotelier und Bürgermeister in Gamlitz. Wenn sich das heurige Jahr zu Ende neigt, dürfte sein Team im Betrieb nicht nur ausgelaugt sein, Wratschko wird auch den stärksten Umsatz ever erwirtschaftet haben. Kaum eine Region war so derartig überbucht, trotz oder wegen Corona, wie die malerische südsteirische Weinstraße mit seinem herzigen Städtchen Gamlitz als Mittelpunkt. Aus allen Bundesländern fielen die Wein-, Rad- und Genusswütigen Fans ein, um ein paar schöne Tage in der Toskana Österreichs zu genießen. Die Kellnerinnen und Kellner des Bürgermeisterhotels rannten nahezu rund um die Uhr, um den nicht nachlassenden Gästeansturm einigermaßen zu bewältigen.

Ausgebuchte Buschenschanken, tonnenweise Ab-Hof-Verkäufe

Bei den Buschenschanken war das Bild nicht viel anders. Ohne Reservierung ging gar nichts, es sei denn irgendwann am frühen Nachmittag, wo ohnedies nix los war. Auch die namhaften Winzer konnten nicht klagen: tonnenweise wurden die Weinkartons aus den Kellern in die Kofferräume gekarrt und eingeladen. Vorzugsweise in Autos mit Vorarlberger, Tiroler, Salzburger oder oberösterreichischen Kennzeichen. Sogar im mondänen Loisium in Ehrenhausen, das die Doppelzimmer um schlanke 280 Euro wochentags verkaufte, wichen sich die Gäste in den weißen Bademänteln auf den Hotelfluren aus, um nicht zusammenzustoßen, auf dem Weg zum Außenpool, um noch rechtzeitig eine Sonnenliege zu reservieren. Wer mit dem Gamlitzer Fuhrunternehmen „Taxi Petra“ sprach, hörte fast nur Stöhnen: „So ein starkes Geschäft wie heuer hatten wir noch nie.“ Seit 23 Jahren gibt es in Gamlitz ein Gratistaxi, das Gäste vom Ort zu den entlegenen Buschenschanken fährt und auch wieder abholt – kostenlos wohlgemerkt. Jetzt macht sich bezahlt, was lange um seine Berechtigung ringen musste. In Zeiten der Pandemie entdecken Herr und Frau Österreicher die kleinstrukturierten Regionen, in denen der Genuss nicht zu kurz kommt.

Die Details im Kleinen machen den Reiz aus

Warum in die Ferne … selten bekam ein Spruch so eine Gültigkeit wie heuer. Nur: Sind die Betriebe dafür auch gerüstet? Nach Jahrzehnten, in denen sich die Betten quasi von selbst füllten, ist nun wieder Ideenreichtum und Kreativität gefragt – siehe Gamlitz. Es bräuchte viel, viel mehr solcher „Nahweh“-Konzepte, damit sich die Leute wieder auf den Weg machen, um den Charme eines Betriebes, eines Ortes oder einer Region zu entdecken. Jede Idee, die mit ehrlichem Kopfzerbrechen geboren und zur Marktreife geführt wird, wird auch belohnt werden. Liebe Unternehmer, investiert euer Hirnschmalz in solche Ideen, in Zeiten des „downsizings“ fallen sie auf fruchtbaren Boden. Garantiert.

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